Vielleicht liest du das an einem Sonntagabend, mit diesem vertrauten Ziehen im Bauch, das jede Woche früher anfängt. Vielleicht nachts um halb zwei, weil das Gedankenkarussell nicht anhält. Vielleicht in einer Freistunde, in der du zum dritten Mal in dieser Woche gedacht hast: So kann es nicht weitergehen.
Wenn du „Schule macht mich krank“ in eine Suchmaschine getippt hast, dann ist etwas Wichtiges bereits passiert: Du hast aufgehört, deinen Zustand für normal zu halten. Das ist kein kleiner Schritt. Es ist der erste.
Ich bin Bianka – Ex-Studienrätin, heute systemische Coachin und psychologische Beraterin für Lehrkräfte. Ich kenne dieses Gefühl nicht aus Lehrbüchern, sondern aus meinem eigenen früheren Lehrerzimmer. Lass uns sortieren, was da gerade mit dir passiert und was du tun kannst.
Warum ausgerechnet Lehrer? (Es liegt nicht an dir.)
Der Lehrerberuf gehört nachweislich zu den psychisch belastendsten Berufen überhaupt – und zwar aus strukturellen Gründen, nicht wegen persönlicher Schwäche:
Der Beruf hat keine natürlichen Grenzen. Unterricht kann immer noch besser vorbereitet, Feedback noch ausführlicher, das Elterngespräch noch gründlicher sein. Berufe ohne eingebautes „Fertig“ erschöpfen Menschen mit hohem Anspruch systematisch – und in den Lehrerberuf gehen überdurchschnittlich viele Menschen mit hohem Anspruch.
Du arbeitest unter Dauerbeobachtung in Beziehungsarbeit. Sechs Stunden täglich vor Gruppen zu stehen, permanent gesehen, bewertet und gebraucht zu werden, ist emotionale Schwerstarbeit – die in keiner Stundentafel auftaucht.
Die Erholungsräume sind eine Illusion. „Du hast doch Ferien“ – während real Korrekturen, Planungen und die Erschöpfungsabzahlung der vergangenen Monate hineinfallen. Viele Lehrkräfte erholen sich in den Ferien nicht, sie regenerieren gerade so auf null.
Und manchmal ist es keine Überlastung, sondern ein Konflikt. Eine Schulleitung, die nicht schützt. Ein Kollegium mit Grüppchen und Lästerkultur. Im schlimmsten Fall Bossing oder Mobbing. Wenn dein Bauchweh einen Namen und ein Gesicht hat, ist das ein anderes Problem als Überstunden – dazu habe ich ein eigenes eBook geschrieben: „Bossing und Mobbing im Lehrerzimmer“.
Die Warnsignale ernst nehmen: die drei Stufen
Krankmachende Belastung kommt selten mit einem Knall. Sie schleicht – und auf jeder Stufe kannst du gegensteuern. Je früher, desto leichter.
Stufe 1 – Der Dauerstress: Sonntagsangst, Grübelschleifen, Reizbarkeit, das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Schlaf und Wochenenden reichen noch, um dich zu erholen – aber knapp.
Stufe 2 – Die Erschöpfung wird körperlich: Schlafstörungen über Wochen, Infektanfälligkeit, Magen-/Kopf-/Rückenbeschwerden ohne klaren Befund, sozialer Rückzug, Zynismus gegenüber Schülern oder Kollegen („innere Kündigung“). Erholung stellt sich auch in den Ferien nicht mehr richtig ein.
Stufe 3 – Der Körper übernimmt: Panikattacken, Zusammenbrüche, Krankschreibungen, Depressionssymptome. Hier trifft nicht mehr du die Entscheidungen, sondern dein Organismus.
Ganz wichtig, und das sage ich als Coach mit voller Überzeugung: Ab Stufe 2, spätestens Stufe 3, gehört ein Arzt oder eine Psychotherapeutin an deine Seite. Coaching ist wertvoll für Klärung, Grenzen und Berufsweg-Fragen – aber es ersetzt keine Behandlung, wenn dein Körper und deine Psyche bereits ernsthaft betroffen sind. Beides schließt sich nicht aus; es ergänzt sich. (In akuten Krisen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, kostenfrei, rund um die Uhr.)
Was du konkret tun kannst – auf jeder Stufe
1. Benenne die wahre Ursache (nicht das Symptom)
„Schule“ macht selten krank – etwas Bestimmtes an deiner Schulsituation tut es. Nimm ein Blatt und beantworte ehrlich: Nach welchen Tagen/Situationen/Begegnungen geht es mir am schlechtesten? Ist es die Menge? Eine Person? Eine Rolle (Klassenleitung, Korrekturfach)? Der Sinnverlust? Die Antwort bestimmt den Weg – Mengenprobleme löst man anders als Konfliktprobleme, und Sinnprobleme nochmal anders.
2. Setze eine Grenze, die du selbst kontrollierst
Nicht zehn Vorsätze – eine einzige, konkrete, diese Woche: ein E-Mail-freier Abend. Eine Korrektur-Deadline mit „gut genug“. Ein Nein zur nächsten Zusatzaufgabe. Es geht dabei weniger um die gewonnene Stunde als um die Erfahrung: Ich habe hier noch Steuerung. Dieses Gefühl ist das direkteste Gegenmittel gegen das Ausgeliefertsein, das krank macht.
3. Brich das Schweigen
Krankmachende Schulsituationen leben von Isolation – vom Gedanken „alle anderen schaffen es doch auch“ (Spoiler: tun sie nicht, siehe die Krankenstände in den Kollegien). Sprich mit jemandem außerhalb deines Bewertungs- und Loyalitätssystems: Hausarzt, Beratungsstelle, Supervision, Coaching. Der Effekt des ersten ehrlichen Gesprächs ist regelmäßig größer als der jeder Entspannungstechnik.
4. Prüfe die strukturellen Ventile
Manchmal braucht es mehr als Selbstmanagement: eine spürbare Stundenreduzierung, eine Beurlaubung, ein Sabbatjahr, ein Schulwechsel. Welche dieser Optionen wann trägt (und welche Fallen sie haben), habe ich hier verglichen → Sabbatjahr, Teilzeit oder ganz raus?
5. Und wenn sich die Frage schon länger stellt: Stelle sie richtig
Wenn du beim Lesen mehrmals gedacht hast „eigentlich will ich das alles gar nicht mehr“ – dann ist die ehrlichste Intervention nicht die nächste Achtsamkeitsübung, sondern die geklärte Antwort auf die Frage: gehen oder bleiben? Nicht als Panikentscheidung, sondern als strukturierter Prozess. Was ein Ausstieg formal bedeutet → Als Lehrer kündigen. Was danach möglich ist → Berufsalternativen für Lehrer.
Der Satz, den du heute mitnehmen sollst
Du bist nicht zu schwach für diesen Beruf. Der Beruf ist in seiner aktuellen Form für sehr viele Menschen zu viel – und dein Körper ist ehrlicher als dein Pflichtgefühl. Auf ihn zu hören ist keine Kapitulation. Es ist Führung – dir selbst gegenüber. Genau das meine ich, wenn ich von gesunder Selbstführung spreche.
FAQ
Ist es normal, dass mich der Lehrerberuf so erschöpft? Verbreitet: ja – Studien zeigen seit Jahren überdurchschnittliche psychische Belastung im Lehrerberuf. Normal im Sinne von „hinzunehmen“: nein. Verbreitung ist keine Entwarnung.
Woran erkenne ich, dass es mehr ist als Stress? Wenn Erholung auch nach freien Tagen/Ferien ausbleibt, Schlafprobleme über Wochen anhalten, körperliche Symptome auftreten oder du dich von allem zurückziehst. Dann ärztlich abklären lassen – zeitnah.
Coaching oder Therapie – was brauche ich? Therapie behandelt Erkrankungen (Depression, Angststörung, Trauma). Coaching klärt Situationen und Entscheidungen (Grenzen, Konflikte, Berufsweg) bei grundsätzlich stabiler Gesundheit. Im Zweifel: erst ärztlich abklären; Coaching kann parallel oder danach unterstützen. Diese Abgrenzung gehört zu meiner ethischen Verantwortung als Coach.
Muss ich kündigen, wenn Schule mich krank macht? Nicht zwingend. Oft wirken gezielte Veränderungen (Grenzen, Konfliktlösung, Reduzierung, Schulwechsel) – manchmal ist der Ausstieg der gesunde Weg. Entscheidend ist, die Ursache zu kennen, bevor du die Konsequenz wählst.
Du willst nicht warten, bis der Körper entscheidet? Dann lass uns früh sortieren, was bei dir wirklich los ist – und was dein nächster Schritt ist. Erstgespräch: 45 Minuten, online oder in Düsseldorf, aktuelle Wartezeit ca. 2 Wochen (Notfallkontingent vorhanden).
