Es ist 23 Uhr, der dritte Unterrichtsentwurf dieser Woche liegt halbfertig vor dir, und zum ersten Mal denkst du es ganz konkret: Ich schaffe das nicht. Vielleicht sollte ich abbrechen.
Wenn du diesen Satz kennst, dann lies weiter – denn du sollst zwei Dinge wissen. Erstens: Du bist nicht allein und nicht „zu schwach“. Zweitens: Die Frage „abbrechen oder durchziehen?“ ist fast immer die falsche erste Frage. Die richtige lautet: Was genau bringt mich hier an die Grenze – und was davon ändert sich nach dem Referendariat?
Ich habe selbst Referendare ausgebildet, bevor ich Coachin wurde. Ich kenne beide Seiten dieses Systems. Lass uns ehrlich hinschauen.
Die Zahlen, die dir niemand im Seminar zeigt
Damit du dein Erleben einordnen kannst: Das Referendariat ist nachweislich eine der belastendsten Ausbildungsphasen überhaupt.
- Eine Studie der Universität Magdeburg (2021, veröffentlicht in „Prävention und Gesundheitsförderung“) stellte bei 31 % der befragten Referendarinnen und Referendare Burnout-Symptome oder Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit fest.
- Untersuchungen zeigen, dass das Erschöpfungsniveau von Referendaren mit dem von Lehrkräften vergleichbar ist, die seit 20 Jahren im Beruf stehen.
- Die GEW NRW berichtet von realen Arbeitswochen von 60 bis 70 Stunden – bei einer Bezahlung unterhalb des Mindestlohnniveaus, wenn man sie auf die Stunden umrechnet.
- Während Lehrkräfte insgesamt eine überdurchschnittliche Berufszufriedenheit zeigen, ist es bei Referendaren laut einer Freiburger Studie genau umgekehrt.
Merkst du, was das bedeutet? Wenn du dich am Limit fühlst, reagierst du normal auf ein unnormales Setting. Das ist keine Schwäche. Das ist Statistik.
Die entscheidende Unterscheidung: Drei verschiedene Krisen, die sich gleich anfühlen
In meiner Coaching-Praxis begegnen mir hinter dem Satz „Ich will abbrechen“ drei völlig unterschiedliche Situationen:
Krise 1: „Die Ausbildungsbedingungen machen mich fertig“ – aber der Beruf zieht dich
Du gehst gern in deine Klassen. Das Unterrichten selbst gibt dir etwas. Was dich zermürbt, sind Unterrichtsbesuche, Dauerbewertung, das Abhängigkeitsgefühl von Fachleitern, der Perfektionsdruck. Wichtig zu wissen: Fast alles davon endet mit dem Examen. Der Lehrerberuf ist nicht das Referendariat. Hier lohnt Durchhalten mit besserem Selbstschutz fast immer – dazu unten mehr.
Krise 2: „Der Beruf selbst passt nicht“ – und das Referendariat macht es sichtbar
Nicht die Prüfungen stressen dich am meisten, sondern der Kern der Arbeit: das Vor-der-Klasse-Stehen, die Rolle, die Schule als Ort. Du hast es dir anders vorgestellt – und die Vorstellung kehrt auch an guten Tagen nicht zurück. Dann ist der Gedanke an einen anderen Weg kein Scheitern, sondern eine wichtige Information. Zwei Staatsexamen bzw. ein abgeschlossenes Lehramtsstudium sind übrigens auch ohne Schuldienst wertvoll → Berufsalternativen für Lehrer.
Krise 3: „Ich bin gesundheitlich am Ende“ – egal woran es liegt
Schlafstörungen über Wochen, Panikgefühle vor Unterrichtsbesuchen, körperliche Symptome, Rückzug von allem. Dann ist die erste Frage nicht „abbrechen oder nicht“, sondern: Gesundheit sichern. Sprich mit deinem Hausarzt, nutze die Beratungsangebote (in NRW gibt es z. B. eine rund um die Uhr erreichbare Lehrer-Beratungshotline), und hole dir Unterstützung. Alle Laufbahn-Entscheidungen kommen danach – getroffen aus Stabilität, nicht aus dem freien Fall. (Und zur Einordnung: Coaching ist hier eine Ergänzung, kein Ersatz für ärztliche oder therapeutische Hilfe.)
Bevor du abbrichst: die Zwischenwege, die kaum jemand kennt
Zwischen „durchziehen bis zum Umfallen“ und „hinschmeißen“ liegen Optionen, über die im Seminar selten gesprochen wird:
- Verlängerung / Unterbrechung: Das Referendariat lässt sich in bestimmten Fällen (v. a. gesundheitlich) unterbrechen oder strecken. Das nimmt Prüfungsdruck aus dem System, ohne die Tür zu schließen.
- Schul- oder Seminarwechsel: Manchmal ist nicht „das Referendariat“ das Problem, sondern eine konkrete Konstellation – eine Ausbildungsschule, ein Fachleiter-Verhältnis. Ein Wechsel ist aufwändig, aber möglich und in manchen Fällen die Rettung.
- Erst Examen, dann Ausstieg: Wenn du in Krise 2 steckst, aber noch 6–9 Monate vor dir hast: Rechne ehrlich durch, ob der Abschluss die Investition wert ist. Ein abgeschlossenes zweites Staatsexamen erweitert deine Optionen – auch außerhalb der Schule. Aber: nicht um jeden gesundheitlichen Preis (siehe Krise 3).
Wenn du bleibst: die drei Schutzregeln für den Rest deiner Ausbildung
- Definiere „gut genug“. Nicht jede Stunde kann ein Unterrichtsbesuch sein. Lege bewusst fest, welche Stunden du auf 80 % planst – dein künftiges Lehrerleben besteht genau aus dieser Fähigkeit.
- Trenne Bewertung von Wert. Die Note deines Fachleiters bewertet eine Momentaufnahme unter künstlichen Bedingungen – nicht dich und nicht deine Zukunft als Lehrkraft. Wer das innerlich trennen kann, schläft besser.
- Hol dir einen Blick von außen. Mentor, erfahrene Kollegin, Supervisionsgruppe oder Coaching – Hauptsache jemand, der nicht Teil deines Bewertungssystems ist. Genau weil ich weiß, wie eng das Korsett aus Abhängigkeiten im Referendariat ist, arbeite ich mit Referendaren an Souveränität gegenüber genau diesem System.
FAQ: Referendariat abbrechen
Wie viele brechen das Referendariat ab? Belastbare bundesweite Quoten schwanken je nach Bundesland und Jahrgang; sicher ist: Abbruchgedanken sind extrem verbreitet – Studien zufolge entwickelt knapp ein Drittel Burnout-Symptome, und ein relevanter Teil erwägt den Ausstieg.
Ist ein Abbruch das Karriere-Ende? Nein. Je nach Bundesland ist ein späterer Wiedereinstieg ins Referendariat möglich, und das Lehramtsstudium öffnet auch außerhalb der Schule Türen (Bildungswirtschaft, Personalentwicklung, Verlage).
Kann ich das Referendariat unterbrechen statt abbrechen? In vielen Fällen ja, insbesondere aus gesundheitlichen Gründen. Kläre die Optionen mit deinem Seminar, bevor du die endgültige Entscheidung triffst.
Abbrechen oder durchziehen – wie entscheide ich? Kläre zuerst, welche der drei Krisen bei dir vorliegt: Ausbildungsbedingungen, Berufszweifel oder Gesundheit. Jede führt zu einer anderen richtigen Antwort. Triff die Entscheidung nie in der akuten Erschöpfung.
Du drehst dich bei dieser Frage im Kreis? Genau dafür gibt es mich. Im Erstgespräch (45 Min.) sortieren wir, welche Krise bei dir wirklich vorliegt – und was der nächste stimmige Schritt ist. Ich habe selbst Referendare ausgebildet und kenne das System von beiden Seiten.
