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Lehrerdasein in Zeiten von Corona

Eine Bestandsaufnahme zum Jahresbeginn.

Hallo ihr Lieben,

Zweifelsohne hat Corona die Schullandschaft gefordert und tut es nach wie vor. Vor allem wurde durch die Pandemie sichtbar, dass es ein anderes neues Arbeiten und neue Lernformen in der Schullandschaft und Lehrerausbildung erfordert. Für alle Beteiligten des Systems ist das eine herausfordernde Zeit. Lehrer und angehende Lehrer wie Referendare und auch Seiteneinsteiger, wie auch Schüler und Eltern, sind täglich zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt, die nach Anpassung verlangen.

Ich habe eine Stichprobe von 15 Lehrern aus unterschiedlichen Schulformen befragt, wie sie den Coronaalltag erleben, wie es ihnen geht, wo ihre Herausforderungen liegen, was auf der Strecke bleibt. Sie haben Wünsche für die Zukunft formuliert oder aufgezeigt auch wo sie die positiven Aspekte von Corona sehen, persönlich wie auch beruflich. Hier sind die Ergebnisse:

Ein großes Problem beim Onlineunterricht ist die Notenfindung und die individuelle Förderung von Schülern und Inklusionsschülern. Materialien und Aufgaben müssen entweder online via Videokonferenz gesichert werden, um eine SoleiNote zu bilden oder eben schriftlich, in Form von jedem Arbeitsaufwand. Das führt zu erheblichem Mehraufwand der Notenfindung. Schüler, die individuelle Fragen haben oder besonderen Förderbedarf benötigen, bleiben leider mit ihrem Bedürfnis zurück.

Mich fordern im Moment alle anderen Aufgaben, wie Verwaltung oder andere schulorganisatiorische Aufgaben, wie Konferenzen, Notenfindungen und Zusatzaufgaben heraus. Bei der ganzen Umstellung bleibt dafür kaum Zeit. Wenn ich das ordentlich erledigen würde, müsste ich fast 24/7 arbeiten, was unmöglich ist, erst recht, wenn ich wegen den verkürzten Kitazeiten meine Kinder früher abholen muss.

Zur Klausur bestellen wir die Schüler ein. Wenn man bei 10 Klassen noch viele Nachschreiber hat, führt das zu erheblichen Mehraufwand in der Organisation, Vor- wie auch Nachbereitung.

Was mich wirklich auch stört ist, dass wir immer noch keine Dienstgeräte haben. Wir müssen alles von zuhause aus und mit privaten Mitteln bereitstellen. Abgesehen davon haben auch zig Schüler keine Endgeräte, denen es nicht möglich ist, sich online einzubuchen und die Aufgaben zu bearbeiten. Wie soll man da Noten erfassen und sicherstellen?

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Wir an der Grundschule haben zwar digitale Dienstgeräte, allerdings haben wir viel zu wenig Schulungen zum digitalen Unterrichten erhalten. Besonders in der Altersstruktur bei uns an der Grundschule, ist es kaum möglich, die Kinder zu versorgen. Oder es sieht eben so aus, dass man Aufgaben hochlädt, die die Kinder bearbeiten. Mir fehlen da einfach die Methoden, um meinen Unterricht auch virtuell durchzuführen, eben über die Verfügungstellung der Arbeitsblätter hinaus.

Unsere Schule hat eine gut funktionierende Plattform, die auch datenschutzkonform ist, um digital arbeiten und verwalten zu können. Allerdings ist die Plattform überlastet, wenn morgens um 08 Uhr nahezu alle Kollegen gleichzeitig online sind, so dass das die Plattform gänzlich zusammenbricht. Das ist etwas nervig, denn so kann man nicht pünktlich seinen Unterricht oder die Videokonferenzen beginnen. Dazu kommt, dass die Plattform angeblich genügend Speicherplatz hat, allerdings Dateien mit Verzögerung erst hochgeladen werden. Das führt dazu, dass vorgefertigte Aufgaben unterschiedlich spät angekommen und abgerufen werden, so dass mit Verzug gearbeitet wird. Wenn man jetzt 25 Stunden unterrichtet, dann führt das zu erheblichen Kontroll- und Mehraufwand an Arbeitsstunden, um sicherzustellen, dass alle Schüler das Material erhalten haben.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass andere Aufgaben wie Organisation und Verwaltungsaufgaben für die Zeit entzerrt werden. Ich bin noch froh, einen Job zu haben, meine Freundin betreibt ein Geschäft und musste das im Zuge von Corona sogar aufgeben. Ich hoffe, meiner Frau, die Anfang des Jahres erst ein Yogastudio aufgemacht hat, passiert nicht das Gleiche.

Ich wünsche mir digitale Endgeräte und eine bessere technische Ausstattung nebst Schulung, wie ich spannenden Unterricht auch virtuell gestalte. Dazu brauchen auch alle meine Schüler die Möglichkeit, Endgeräte zu erhalten und einen Internetzugang sicherzustellen. Die meisten Schüler bearbeiten ihre Sachen über ihr Handy, das kann es ja auch irgendwie nicht ausschließlich sein.

Ich würde mir wünschen, dass nicht jeder Lehrer seine eigene Suppe kocht und ein zentraler Materialpool eingestellt wird, den auch Referendare nutzen können in dieser herausfordernden Zeit. In dem Zusammenhang würde ich mehr Teamarbeit wünschen, auch im Klassenteam, das an einem Strang zieht und das positiv bewertet, dass 80 % eben auch in Ordnung sind. Viele meiner Kollegen fühlen sich bevormundet, den Unterricht dann eben nicht auf ihre Art und Weise durchführen zu können und kochen ihre eigene Suppe.

Da ich ausbilde, würde ich mir für meine Referendare eine klarere Regelung wünschen. Mein Referendar ist zum Februar für seine Prüfung angemeldet und weiß leider erst kurzfristig, ob er seine UPP praktisch durchführen kann oder eben theoretisch in Form einer Arbeit abgeben muss. Ein anderer Referendar einer Kollegin hat jetzt seine Prüfung theoretisch abgelegt, in Form einer Onlineprüfung. Das ist schon etwas befremdlich.

Ich habe sehr viele Emails von besorgten Schülern und Eltern erhalten, die ja auch beantwortet werden müssen. Viele haben Rückfragen, weil scheinbar für sie nicht transparent ist, was mit ihren Kindern genau passiert, das betrifft vor allem auch die Schüler in den Prüfungsklassen. Da ist meine Sorge, dass weniger wie sonst die Prüfung bestehen, weil man so wenig auf individuelle Wünsche eingehen kann. Ich betreue z.B. einen autistischen Schüler im Fach Spanisch, der ohnehin schon sehr schüchtern ist und deshalb digital kaum zu erreichen ist. Seine Sprachkenntnisse sind nicht gut, weshalb er bei Arbeitsaufträgen besonders viel Aufmerksamkeit und Unterstützung benötigt. Deshalb würde ich mir eine reduzierte Klassenbetreuung pro Kopf wünschen und weniger verwaltende Aufgaben, um gewährleisten zu können, dass die Schüler versorgt sind. Stichwort: Prioritäten!

Mein Privatleben liegt im Moment brach. Durch die ganzen Anforderungen im Umfeld Schule und meinen drei Kindern zuhause, habe ich selbst bei 13 Stunden in der Woche so viel zu tun, dass ich gar nicht hinterherkomme. Ich habe leider nie das Gefühl mit meiner Arbeit fertig zu sein. Als Teilzeitmutter fühle ich mich an der Stelle im Stich gelassen; besonders jetzt, wo die Betreuungszeiten auch noch gekürzt wurden. Wegen der Regelungen ist auch schwierig, eine andere Betreuungsperson zu engagieren. Mein Mann hat auch einen Job und muss funktionieren. Das ist schon alles ziemlich viel. Neulich piepsten mir auch abends mal die Ohren, da dachte ich, jetzt ist Schluss. An der Stelle hätte ich mir eine flexiblere Lösung gewünscht. Andere Kollegen unterrichten Sport, die arbeiten seit April gar nicht mehr großartig, weil es nicht prüfungsrelevant ist.

Als Referendar bin ich etwas irritiert, dass ich meine UB´s nun theoretisch abgeben und eine Onlineprüfung abhalten muss. Vor der Abschlussprüfung graut es mir ein wenig und leider weiß ich auch immer noch nicht, ob ich meine UPP Anfang Februar physisch oder eben virtuell abhalten muss, das entscheidet sich, wenn die Politik sich für einen weiteren oder anhaltenden Lockdown entscheidet. Das erschwert natürlich meine Vorbereitung und Planung und gibt mir wenig Sicherheit. Ich denke ich werde so planen, dass ich sowohl das Eine als auch das Andere machen kann. Ich bin ja schon froh, dass ich online zumindest nicht auch noch die Schüler dazu holen muss. Mir fehlt da einfach das technische und methodisch Know-How, meinen Unterricht auch virtuell zu gestalten, also eben nicht nur Arbeitsblätter anzuhängen und zu kontrollieren. Ich habe schon überlegt, ob ich mir für zuhause ein Board kaufe, allerdings weiß ich auch nicht wohin damit, meine Wohnung ist ziemlich klein. An der Stelle würde ich mir für die Zukunft wünschen, dass es mehr Weiterbildungen dahingehend gibt, wie ich meinen Unterricht, auch von den Methoden und der Unterrichtsführung her virtuell sinnvoll und flexibel, eben nach Anlasse gestalten kann.

Vor dem Lockdown war es so, dass wir ja auch im Präsenzunterricht und virtuell unterrichtet haben. Die Schüler, die in Quarantäne waren, mussten ja auch versorgt werden. Das war eine ganz schöne Doppelbelastung. Insofern ist schon fast etwas erleichternd, dass nun alles von zuhause aus erledigt werden muss. Allerdings, wenn die Kids hier rumspringen, komme ich zu nichts. Mein Arbeitstag endet aktuell um 23 Uhr, da ich nochmal arbeite, wenn meine Kinder im Bett sind. Das zerrt ganz schön.

Ich habe das Referendariat hingeschmissen, da ich mich entschieden habe, so in Zukunft nicht weiter arbeiten zu wollen. Corona hat für mein Dafürhalten vor allem sichtbar gemacht, was an Schulen noch optimiert werden könnte! Ich fange zum Glück bald in einem Weiterbildungsinstitut an, wo auch der digitale Lerngedanke bereits jetzt schon gelebt wird. Darauf freue ich mich sehr. Von meiner Ausbildungsgruppe weiß ich, dass noch mehrere mit dem Gedanken spielen, erst recht die, die aus den späteren Ausbildungsgängen, die erst am Anfang stehen.

Ich fühle mich von meiner Schulleitung nicht unterstützt. Der Macht- und Kontrollwahn der beiden, also der Schulleitung und der verlängerten Schulleitung macht mir zu schaffen. Ständig wird hier kontrolliert innerhalb der neuen Plattform, wer wie wo online ist. Die haben scheinbar zu viel Zeit, müssen selbst nicht mehr oder nur noch sehr wenig unterrichten. da selbst keinen bis wenig Unterricht, bemühen sich, dass auch jeder Lehrer in Arbeitsgruppen ist, man soll noch alles stattfinden lassen und präsentieren Schüler sind manchmal auch gar nicht online, also entweder können die nicht teilnehmen oder die kommen einfach nicht. Als hätten wir in der Situation nichts anderes zu tun….!

Fragen zu dem neuen System, also zu der neuen Plattform, um digital zu arbeiten, werden nicht wohlwollend beantwortet. Stattdessen wird erst mal wieder belehrt, ob man denn nicht bei der Fortbildung war. Ich war dort und hatte trotzdem die eine oder andere Frage. Das ermüdet mich einfach. Der Umgang ermüdet mich. Dann kommen da Kommentare wie, haben wir schon mal besprochen, steht doch da und und und …….und meine sachliche Frage bleibt dann leider unbeantwortet. Da würde ich mir mehr Wohlwollen seitens der Schulleitung wünschen!

Zusammenfassendes Fazit:

Es zeigt sich, dass Lehrer doppelt unterrichten, auf neue Medien ausweichen, die unter Umständen noch nicht in ihr Schulumfeld integriert wurden oder technisch nicht einwandfrei funktionieren oder auch mangels Schulungen und Weiterbildungen nicht zu realisieren sind. Vom Datenschutz mal ganz zu schweigen, wobei eben die meisten Plattformen, die vorher entweder schon da waren oder aufgrund von Corona angeschafft wurden, dem Datenschutz genügen. Referendare hängen aktuell ein wenig in der Luft und sind von den nächsten politischen Entscheidungen abhängig. Einer hat den Job bereits an den Nagel gehangen, einige andere überlegen noch, wie es für sie weitergeht. Andere wiederum können zur bestandenen Onlineprüfung der UPP beglückwünscht werden.

Die Arbeitsbelastung bei allen interviewten Lehrern und angehenden Lehren scheint enorm. Individuelle Förderung der Schüler ist aufgrund der erschwerten Bedingungen und Anforderungen aktuell kaum möglich. Sie sind angehalten, ihre privaten Endgeräte zu nutzen, weil es keine Dienstgeräte gibt. Schüler haben teilweise nicht mal private Endgeräte, um diese zu erreichen, um auf den Puls der Zeit zu setzen. Eltern müssen Job und Familie unter einen Hut bringen, und das bei verkürzten Kitazeiten, bangen um Jobs oder haben diese sogar verloren.

Eines steht fest:  Lehrer müssen täglich den Spagat schaffen zwischen ihrem beruflichen und privaten Alltag, dem eigenen Elternsein, sich zu organisieren, Betreuungszeiten anzupassen, Schüler zu versorgen, zu fördern usw. Wie soll man da sich selbst und jedem Schüler gerecht werden? Zweifelsohne ist Corona eine herausfordernde Zeit für das gesamte System und das wird auch noch eine Weile zu bleiben. Die politische Bandbreite an Themen ist groß und die Diskussionen darum werden noch eine Weile anhalten.

Ändern können wir das alles leider nicht, oder sagen wir nur bedingt, Stichwort: Kontakte reduzieren oder sogar gänzlich vermeiden und durchhalten. Wir können also nur damit umgehen und uns fragen, welche Chancen bietet uns Corona? Welche Chancen seht Ihr für euch oder euer berufliches Umfeld? Was habt ihr gelernt? Woran seid ihr gewachsen? Was werdet ihr künftig anders machen? Was war vielleicht sogar gut an Corona? Woran bin ich vielleicht sogar gewachsen? Was war nicht so gut? Was sollte sich für mich zukünftig ändern? Habe ich neue Kompetenzen erkannt? Was habe ich vielleicht auch über mich erfahren? Vielleicht hat sich auch beruflich was verändert?

Vielleicht stellt ihr euch die Fragen: wo sehe ich mich beruflich nach Corona? Wie möchte ich die nächsten Jahre unterrichten? In welchen Klassen? In welchem Team? Mit welchen Mitteln und Herausforderungen fühle ich mich im Umfeld Schule wohl? Was möchte ich nicht mehr? Was raubt mir vielleicht sogar Energie?  Wie gehe ich im Falle eines weiteren Lockdowns vor? Was mache ich im Falle einer zukünftigen Pandemie anders? Was sind meine Ressourcen? Welche Ressourcen habe ich dazu gewonnen? Welche habe ich vielleicht vernachlässigt? Welche Potentiale möchte ich weiter ausbauen? Welche kamen nicht zum Tragen?

Also: wie geht es euch mit Corona zum Jahresstart? Wie meistert ihr die Herausforderungen im Alltag? Was hat sich unter Umständen sogar für euch geändert? Falls Ihr Anregungen, Impulse oder Erfahrungsberichte teilen möchtet, freue ich mich auf eure Meldungen.

Wie immer gilt: Wenn Ihr persönliche Anliegen und Wünsche habt, worüber ich schreiben soll, bitte schreibt mir eine kurze Nachricht. Ich freue mich auf Eure Ideen/Anliegen/Wünsche und natürlich Euer Feedback.

Herzliche Grüße

Eure Bianka

Bianka Vetten

Bianka Vetten

Dein Lehrercoach & Partner

Ehemalige leidenschaftliche Studienrätin und Ausbilderin, Business- und Karrierecoach, Trainerin, Reiss Motivation Profile Masterin, Personal- und Teamentwicklerin

bianka@lehrercoaching.de

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