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Bewertungsmindfuck Deluxe – im Referendariat & Lehreralltag

Hallo ihr Lieben,

mein Referendariat ist schon über 10 Jahre her und ich gehörte immer zu der organisierten Sorte mit einer Portion Mut, die das Ganze sehr gut gewuppt hat. Bei Zeiten und wenn erforderlich, konnte ich mich ganz gut behaupten. Zum Ende hatte ich dann auch noch das Glück, direkt eingestellt zu werden. Das hätte natürlich auch anders ausgehen können.

Als hättet ihr im Referendariat nicht schon genug mit euch, der neuen Rolle, den Inhalten, dem vielleicht auch Recht machen für jeden Stakeholder zu tun, müsst ihr euch noch mit Allüren von Kollegen herumschlagen. Klar, jeder hat seine Schrullen und in der Regel ist das auch halb so wild. Aber wenn es der eigene Ausbilder ist, bzw. einer der Ausbildungskoordinatoren, abgekürzt AKO, kann die Sache etwas anders aussehen. So auch bei Amelie, damals 29 Jahre, damalige Referendarin am Berufskolleg in NRW und eine gute Freundin.

Amelie, sehr weiblich, gutaussehend, stylisch, menschlich sehr warmherzig, war eine gute bis sehr gute Referendarin – äußerlich wie auch innerlich. Von den Fachleitern war sie im Schnitt überall mit 2.0 vorbenotet. Menschlich hat sie schier auch einiges richtig gemacht, denn sie konnte sehr gut mit den Schülern, war demnach sehr beliebt und in ihren Klassen sehr engagiert.

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Ihre Ausbildungskoordinatorin, eher der Typ „Oberlehrer, Cordhose, kurze Haare, kein Make-up“ hatte kaum nette Worte für sie über. Ach was sag ich da, nichts Nettes kam da jemals raus, wenn man den Worten von Amelie Glauben schenkt. An der Stelle ist zu sagen, dass überhaupt nichts gegen Cordhosen, kurze Haare, natural Look usw. einzuwenden ist. Es dient hier lediglich der Visualisierung der Andersartigkeit beider Typen und wozu es geführt hat. Besonders erschwerend kommt jetzt noch das Abhängigkeitsverhältnis hinzu, in dem sich Amelie der Ausbildungskoordinatorin gegenüber befand.

Die Ausbildungskoordinatorin war Amelie gegenüber scheinbar nicht wohlgesonnen und verhielt sich auch nicht sehr wohlwollend. Ich sag das mal bewusst so, weil hier scheinbar einige Bewertungsmindfucks zugegen waren. Wenn ihr bereits im Referendariat über Leistungsbewertung gesprochen habt, dann wisst ihr, in welche Bewertungsfallen ihr tappen könnt.

Zum Ärger von Amelie, die am Ende auch sehr verzweifelt war. Das Referendariat war hierdurch für sie die Hölle auf Erden und das, obwohl sie in ihren Klassen scheinbar viel richtig gemacht hat. Der Disput zwischen der Ausbildungskoordinatorin und ihr zog sich fort und verhärtete sich, was für Amelie weitreichende Konsequenzen hatte. Ihr Stärken lagen besonders im Unterrichtseinstieg. Das weiß ich noch wie heute. Ihre Struktur gewisse Fragen zu formulieren waren einfach der Hammer. Ungeachtet der Vornoten und Amelies Qualität, hat ihre Ausbildungskoordinatorin ihr eine 5.0 im Endgutachten geben wollen. Auf persönliche Intervention von Amelie einigte der Schulleiter sich dann mit der Ausbildungskoordinatorin auf eine 4.0, ihr Gutachten ließ dennoch zu wünschen über. Sie war zwar beim Lehrerrat und Personalrat, aber man riet ihr, die Füße stillzuhalten und erst mal in das System hereinzukommen.

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Ich sage bewusst, dass man sich einigte, weil es mit reellen Leistungen schon nichts mehr zu tun hatte. Das glich eher einer Farce. Meine Freundin Amelie hat demzufolge keine Stelle angeboten bekommen – wen überrascht es – da ihr attestiert wurde, völlig unfähig zu sein. Danach schleppte sie sich erst mal von Vertretungsstelle zu Vertretungsstelle. Sie bewarb sich ständig bei anderen Schulen, ohne ihr Schulleitergutachten mitzusenden, in der Hoffnung, dass sich endlich jemand ein eigenes Urteil machte und bekam nach zwei Jahren endlich die lang ersehnte Stelle an einer Brennpunktschule mit null Aussicht auf Perspektive. Da saß sie nun an der Schule bis sich ihr Glück fügte, sie schwanger wurde und sie sich schlussendlich versetzen ließ. Heute lässt man sie in Ruhe.

 

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Wie kann das also sein, dass die Realitäten/ Wahrnehmungen und die Diskrepanz zwischen den Bewertungen so unterschiedlich ausfallen? Und wozu hat das geführt? Also ich hätte da meine Hypothesen, allerdings würde das hier den Rahmen sprengen. Wer da Interesse hat, kann sich mit Glaubenssätzen/ Wahrnehmung/ Abwehrmechanismen/ Persönlichkeitstypen usw. näher auseinandersetzen.

Was viel interessanter an der Stelle ist, ist die Frage, wie man sich vielleicht selbst von Sympathie und Antipathie freisprechen und das in seinen Bewertungen außen vor lassen kann, sowohl bei den Referendaren wie auch den Schülern. Manchmal scheint irgendwas im Gegenüber zur Ablehnung zu führen. Anstatt dem anderen dadurch Steine in Weg zu legen oder gar zu schaden, fragt euch besser, was das mit euch selbst zu tun hat und geht einen Schritt zurück und analysiert zunächst die Situation. Wurde vielleicht eine Grenze übertreten? Hat er andere etwas was, was ich nicht habe oder mir nicht erlaube? Ist er das Gegenteil von mir? Mit anderen Werten, Bedürfnissen und Erfahrungen wie auch Einstellungen? Nach welchen nachweisbaren und sachlichen Kriterien oder auch eigenen Erfahrungen bewerte ich mein Gegenüber tatsächlich?

Seid hier so ehrlich wie möglich. Holt auch gerne eine unabhängige Meinung ein, wie Dritte die Situation einschätzen würden und bewertet dies. Legt den Fokus anstatt auf negatives, lieber auf positive Eigenschaften und stellt diese in den Fokus. Seid gnädig, wir haben alle unsere Schwächen. Verhaltet euch am besten so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Klar, das geht nicht immer, wir haben alle unsere Erfahrungen, die uns geprägt haben. Und ich sag auch gar nicht, dass ihr euch alles gefallen lassen sollt. Aber bevor man mit hochrotem Kopf aus der Situation heraus auf Spatzen schießt und euren eigenen Bewertungsmindfuck jemanden überstülpt und dadurch vielleicht ungutes tut, was ihr später bereut, geht einen Schritt zurück. Cool down, bevor ihr über das Ziel hinausschießt. Die Folgen solcher Handlungen sind weitreichend. Mehr Storytelling zu meinen Erfahrungen aus dem Referendariat könnt ihr bald in meinem neuen Buch Lehrer sein 4.0 lesen.

Bianka Vetten

Bianka Vetten

Dein Lehrercoach & Partner

Ehemalige leidenschaftliche Studienrätin und Ausbilderin, Business- und Karrierecoach, Trainerin, Reiss Motivation Profile Masterin, Personal-, Organisations- und Teamentwicklerin

bianka@lehrercoaching.de

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